Die 2000er Jahre: Transgression, Post-9/11 und Torture Porn
Um die Jahrtausendwende erlebte das Genrekino eine radikale Brutalisierung. Neben der westeuropäischen „Neuen Französischen Härte“ – etwa À l’intérieur (Inside) oder Martyrs – rollte ab 2003 eine weltweite Welle des sogenannten „Torture Porn“ an, zu der unter anderem Saw und Hostel als Initialzünder gezählt werden. Der Begriff wurde vom Filmkritiker David Edelstein 2006 im New York Magazine geprägt . Dieses Subgenre war keineswegs eine Modeerscheinung oder ein Ausreißer, vielmehr die konsequente Übersetzung dreier gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche der 2000er Jahre:
Post-9/11, Abu Ghraib & War on Terror: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, den Enthüllungen über das Straflager Guantanamo Bay und den Folterbildern aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib 2004 war das Motiv der physischen Quälerei alltäglicher Bestandteil der Nachrichtenkultur. Verunsicherung, Xenophobie und das Gefühl der Ausweglosigkeit wurden im Kino verarbeitet: In Hostel (2005) werden US-Touristen im Ausland von Reichen gekauft und zu Tode gefoltert – ein Zerrspiegel der verletzten Unantastbarkeit des Westens.
Überwachungs- & Digitalkultur: Das Aufkommen von Smartphones, Breitband-Internet und unzensierten Real-Gewaltvideos im Netz – später mehr dazu – veränderte Sehgewohnheiten. Filme wie Saw (2004), Gore Verbinskis The Ring (2002), Kiyoshi Kurosawas Pulse (2001), Michael Hanekes Caché (2005) und Andrea Arnolds Red Road (2006) machten Bildschirme, Aufzeichnungen und Kameras selbst zu Quellen des Unheimlichen. The Ring inszeniert die VHS-Kassette und ihre Weitergabe als tödliche Form medialer Ansteckung; Pulse verwandelt das Internet in einen Raum existenzieller Isolation. Caché und Red Road zeigenÜberwachung, anonyme Aufnahmen und den allgegenwärtigen Blick in die Privatsphäre und Selbstbestimmung.
Ökonomie, Materialität & Franchise: Die Brutalität des 2000er-Horrors war nicht allein eine ästhetische Gegenbewegung zum digital dominierenden Blockbusterkino. Sie entsprach auch einem äußerst rentablen Produktionsmodell: überschaubare Budgets, wenige Schauplätze, unbekanntere Darsteller und praktische Make-up- sowie Protheseneffekte ermöglichten kalkulierbare Risiken bei hoher Aufmerksamkeit. Seit je her und bis heute ein Erfolgsmodell des Genres. Saw (2004), produziert von Twisted Pictures und von Lionsgate vertrieben, wurde mit rund 1,2 Millionen US-Dollar realisiert und spielte weltweit mehr als 100 Millionen US-Dollar ein. Der Erfolg zeigte, dass sich aus klaustrophobischen Räumen, körperlicher Unmittelbarkeit und serieller Eskalation ein jährliches Franchise-Modell entwickeln ließ. Vorausgesetzt, das Script ist gut.
